Kategorie ‘Humorhaber’

Die mit Abstand dreisteste illegale Website seit langem: Medi-24.online

Von Bernhard Schmeilzl (11.05.2017)
Ein Kommentar

Aufwendiger Online-Betrug mit dem Verkauf von Schlankmachern „Turbo Slim Pro“ und „Detox Max“

Eigentlich ist es sogar ein ganzes Websiten-Imperium, das so ziemlich gegen jede denkbare HGB-, Fernabsatz- und Verbraucherschutzvorschrift verstößt. Optisch auf den ersten Blick nett und professionell gemacht, kann man auf http://medi-24.online/turbo-slim-pro-detox-max/ die dort angepriesenen Produkte Turbo Slim Pro und Detox Max erwerben. Ob diese Produkte jemals beim Besteller ankämen, wenn man sie tatsächlich ordert und, falls ja, woraus das Pulver dann eigentlich besteht, sei an dieser Stelle mal dahingestellt.

Wie gesagt: Website sieht super aus, die Produkte sind allesamt mit großem Abstand zur Konkurrenz Testsieger und ein Arzt mit vielen gerahmten Urkunden an der Wand, Herr Dr. med. Rochard, bestätigt, dass das Pulver aber wirklich sowas von toll ist, dass man es gar nicht aushält. Nur: Außer auf dieser Website gibt es im ganzen Internet keinen Dr. Rochard.

Ferner: Wie man auch scrollt und klickt: Man findet kein Impressum, keine Adresse, keine Telefonnummer, keinen Firmennamen usw. Einzige Kontaktmöglichkeit ist ein Formular. Und wenn man lange genug klickt, findet man unter der Rubrik „Rücksendungen“ eine englischsprachige Seite, die einen höflich aber bestimmt bittet, etwaige Retouren doch bitte nach Panama zu senden, nämlich an die Firma Bluewater Global S.A., Ave. Samuel Lewis, Panama City, Panama.

Deshalb haben wir auch mal geschaut, von wem die denn eigentlich zum Testieger gekürt wurden. Und siehe da: Nur bei ihrer eigenen Website Gesundheitstest.org (auch diese Seite ohne jedes Impressum, versteht sich von selbst). Da schneiden nur Turbo Slim Pro und Detox Max gut ab, alle anderen Abnehmprodukte werden gnadenlos gedisst.

Dann gibt es noch einige Promotion Websites, die auf das Verkaufsportal von medi-24.online verlinken, etwa beautydoc.me, die sogar mit Impressum:

This Website belongs to: Deepan Healthy Foods 23 Tahrir Square, Cairo / Egypt

Und natürlich dutzende von „Erfahrungsberichten“ begeisterter Kunden. Alles professionell gestaltet und aufwendig gemacht, in Farbe und bunt.

Also ich persönlich bin jetzt restlos überzeugt. Nämlich davon, dass es sich hierbei um eine der unseriösesten Websites und dreistesten Betrugsmodelle im Internet handelt. Falls mich die Akteure nun abmahnen oder auf Rufschädigung verklagen möchten (gerne auch in Panama, nicht so gern in Ägypten), hier ist mein Impressum.

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Mehr zu Internet-Betrugsmaschen hier sowie  im Beitrag „Schutz vor Betrugsmasche Erbschaft aus England“ hier und im Beitrag „Nein, man erbt nicht einige Millionen von jemanden, den man kaum kannte!“ sowie auf Cross-Channel-Lawyers, dem Portal der Experten für deutsch-britisches Recht. Weitere allgemeine Informationen zu Erbrecht, Nachlassabwicklung und Erbschaftsteuer in Deutschland, UK und USA siehe:

Englisches Erbrecht: die Basics

Erbschaft aus USA: Was nun?

Erbrecht und Testament in England: die Basics

Testament und Erbrecht in Schottland

Checkliste für Nachlassabwicklung in England & Wales

Achtung: In Schottland gelten andere Regeln …

… und in Irland sowieso

Schottland ist nicht England: Vorsicht im Familien und Erbrecht

Erbschaftssteuer in England: Steuersätze, Freibeträge, Anrechnung

Anrechnung von Erbschaftssteuer zwischen Deutschland und England

Was ist eine “Deed of Variation” im englischen Erbrecht?

Erbfall in England: Wie beschränkt man die Haftung des Nachlassabwicklers?

Haftungsfalle für Erbrechtsanwälte: In USA und GB gibt es keine transmortale Vollmacht

Deutschland oder England: Wo muss das Erbe versteuert werden?

Wer Bankkonten oder Depots in UK oder auf den Channel Islands erbt

Der ganz normale Wahnsinn deutsch-britischer Erbfälle

Internet-Betrugsmasche: ausländische Erbschaft

Erbfälle mit Bezug zu Australien

Verwandter in England gestorben: Wie erfährt man, was im Testament steht?

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Die 2003 gegründete Kanzlei Graf & Partner ist mit ihrer englischspachigen Prozessabteilung (GP Chambers) auf grenzüberschreitende Rechtsfälle spezialisiert, insbesondere auf deutsch-britische und deutsch-amerikanische Wirtschaftsstreitigkeiten, Scheidungen und internationale Erbfälle. Falls Sie bei einer anglo-amerikanischen Rechtsangelegenheit Unterstützung benötigen, stehen Ihnen die Anwälte der Kanzlei Graf & Partner mit ihrem internationalen Netzwerk juristischer Experten gerne zur Verfügung. In den meisten großen US-Bundesstaaten verfügen wir über gute persönliche Kontakte zu Attorneys-at-Law in mittelgroßen Kanzleien. Ihr Ansprechpartner in Deutschland ist Bernhard Schmeilzl, Rechtsanwalt & Master of Laws (Leicester, England), Telefon +49 (0) 941 – 463 7070, seit 2001 als Rechtsanwalt auf deutsch-britische Erbfälle und Wirtschaftsstreitigkeiten spezialisiert.

„Ethik“-Unterricht an bayerischen Grundschulen

Von Michael Gleiten (21.02.2017)
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Praxisbericht eines Vaters (im Nebenberuf Anwalt für Schulrecht)

Als Enkel einer Mesnerin, Neffe eines Domvikars und langjähriger Ministrant in einer katholischen Landkreisgemeinde bei Regensburg bin ich vergleichsweise bibelfest. Mit handfesten Zitaten alttestamentarischer Propheten kann man so manche Gerichtsverhandlung auflockern und Gegneranwalt wie Richter beeindrucken. Trotzdem war ich Mitte 30 dann so frei, der katholischen Kirche adieu zu sagen und später dann meinen erstgeborenen Sohn auch nicht taufen zu lassen. Eine gewisse Rolle spielte dabei die mit 20 Jahren Verzögerung erlangte Erkenntnis, dass der „Herr Stadtpfarrer“, der bei meiner Mesnerin-Oma damals über viele Jahre hinweg 4-5 Mal pro Woche zum gratis Mittagessen oder Kaffeekränzchen erschienen war, diverse Ministranten deutlich intimer kennen gelernt hatte, als das irgend jemand gut finden konnte. Aber hierüber ist ja andernorts hinlänglich berichtet worden. Zurück zum eigentlichen Thema: Schulunterricht in Bayern.

Acht Jahre nach der Geburt meines Stammhalters findet sich selbiger Sprößling nunmehr also in der 3. Klasse einer bayerischen Grundschule wieder und besucht dort, aus oben dargelegten Gründen, den Ethik-Unterricht. So dachten ich und seine rest-evangelische Mutter zumindest. Leise Zweifel an der wahren Natur des gewählten Unterrichtsfachs beschlichen uns Eltern allerdings, als er letzte Woche die schriftliche Probe im Fach Ethik nach Hause brachte. Die Fragen lauteten (wörtlich):

(1) Kreuze nur richtige Antworten an

– Die Christen glauben an mehrere Götter

– Jesus Christus ist der Sohn  Gottes

– Jesus ist für die Menschen am Kreuz gestorben

– Durch seine Tod am Kreuz hat Jesus alle Menschen von ihren Sünden erlöst

(2) Die Taufe ist ein wichtiges Ereignis im Leben eines Christen. Was geschieht bei der Taufe?

– (Gewünschte Antwort war: Stirn wird mit Kreuz und heiligem Öl gesalbt. Taufkind wird in die Gemeinschaft der Christen aufgenommen. Taufe ist wichtig, damit das Kind in den Himmel kommt, falls es stirbt.)

(3) Streiche Begriffe durch, die nicht zur Erstkommunion passen:

– Christ, Baby, katholisch, evangelisch, Islam, Hostie

Aha, OK, na gottlob haben wir unser Kind nicht in den Religionsunterricht gegeben, wo er einseitiger Indoktrinierung ausgesetzt sein könnte, dachten wir uns. Klappt ja prima, dachten wir uns. Im Ethik-Unterricht muss mein 8-jähriger also als „richtig“ ankreuzen, dass Jesus der Sohn Gottes ist. Und dass er durch seinen Tod alle Menschen von ihren Sünden erlöst hat. Und dass ungetaufte Kinder (also auch er) nicht in den Himmel kommen, wenn sie sterben (was ihn allerdings erstaunlich wenig zu bekümmern schien).

Zu Recherchezwecken beantragte ich bei meinem Sohn nun Akteneinsicht in sein Ethik-Heft. Und so begab es sich aber, dass der Heiden-Vater erkennen musste, dass von 20 Seiten Hefteintrag sich 18 Seiten mit katholischen Themen befassten. Und zwar nicht aus gewisser Distanz, so „Nathan der Weise“ und „Ringparabel“ und so, was die Heiden-Eltern ja durchaus gut gefunden hätten, sondern mit original katholischem Wahrheitsanspruch. Das volle Programm, von Erbsünde über die heiligen Sakramente bis hin zur Dreifaltigkeitslehre, die meinen Sohn übrigens besonders fasziniert, vor allem der Heilige Geist, den er sich in etwa wie Hui Buh vorstellte, bloß etwas strenger. Das ist ja der Unique Selling Point der Katholiken, die haben einfach gute Stories, nicht dieses langweilige Sola Scriptura Gelaber der Protestanten.

Da ich mich beruflich als Rechtsanwalt unter anderem auf den Gebieten Schulrecht und Beamtenrecht verdinge, schlugen zwei Herzen meier Brust: Das stolze Herz des Vaters, der seinen Sohn dafür lobte, dass er in der Probe immerhin 9 von 10 Punkten in katholischer Relogionslehre, äh ich meine natürlich bayerischem Ethikunterricht, eingefahren hatte. Und das konkurrierende Herz des vor vielen Jahren aus wohl überlegten Gründen ausgetretenen Ex-Katholiken-Rechtsanwalts, der sich fragte, ob die Lehrerin eigentlich noch alle Tassen im Schrank hat?

Der Anwalt für Schulrecht in mir hatte bereits begonnen, die Nummer der Rektorin zu wählen, um einen Gesprächstermin zu vereinbaren, in dem die Natur des Fachs Ethik im Allgemeinen und im Besonderen zu erörtern gewesen wäre. Als ich dann aber in das stolze und freudige Gesicht meines Sohnes blickte, drückte ich den roten Knopf des Handys, schickte ein atheistisches Stoßgebet zum …, tja, irgend wohin, und hörte meinem Sohn zu, als er berichtete: Weißt Du, Papa, die Frau (…) ist ja neben Ethik auch Religionlehrerin [an dieser Stelle seufzte ich nur kurz und leise] und sie hat alle Kinder der Ethik-Klasse eingeladen, am Aschermittwoch mit in den Gottesdienst zu gehen. Da geht er jetzt am Mittwoch hin mit seinen Kumpels …

Fazit: Bayern ist halt Bayern! Hier zum Ausgleich eine Dosis Hagen Rether und, für Atheisten, die des Englischen mächtig sind, eine Bibel-Lesung von Ricky Gervais

Weitere Beiträge zum Schulrecht und Beamtenrecht:

Gewaltvideo auf dem Schülerhandy: Handlungspflichten der Lehrer

Die Rache des Schülers

Eltern haften für ihre Kinder: Halloween Special

NBC-Kommentator: „Der dümmste und gefährlichste Präsident, den wir jemals hatten!“

Von Michael Gleiten (02.02.2017)
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Der US-Fernsehkommentator Lawrence O’Donnell ist nicht irgend jemand, sondern gehört zu den bekanntesten News-Hosts in Amerika, vergleichbar mit Claus Kleber oder Tom Buhrow bei uns. In der Serie HOMELAND spielte er sich selbst und interviewte in einem Gastauftritt die Hauptfigur Nicholas Brody. Der Fernsehsender MSNBC ist ebenfalls nicht ein extremistischer Spartensender, sondern gehört zu den drei wichtigsten News Channels in den USA. Dort hat O’Donnell unter anderem seine politische Sendung „The Last Word„. Es dauerte keine zwei Wochen der Trump-Präsidentschaft, bis O’Donnell endgültig – aus Anlass der suboptimal verlaufenen Telefonate Donald Trumps mit diversen Staatschefs – jede Zurückhaltung fahren ließ und seine Sendung mit dem Intro begann: „The most ignorant and dangerous President we ever had.

Recht hat er, der Lawrence. Man kann die Unglaublichkeiten und Fettnapf-Kopfsprünge ja kaum noch in Echtzeit mitprotokollieren. Einige Beispiele für „Worst of Trump“ der letzten Tage habe ich hier gesammelt.

Hoffnung gibt aber die Entwicklung, dass Mitarbeiter des White House immer mehr Interna an Reporter durchstechen (z.B. Protokolle von Telefonaten oder Audiodaten von White House Meetings). Das ist wenig überraschend, da der Führungsstil Donald Trump geprägt ist von Druck, Wutausbrüchen, Arroganz und Herablassung sowie sarkastischer „Benotung“ von Mitarbeitern in der Öffentlichkeit („He’s a weak loser“). Das erzeugt Dutzende gekränkte Mitarbeiter, die sich bei der nächsten passenden Gelegenheit an ihrem Chef rächen wollen. Und manche, die zunächst noch darauf gehofft hatten, dass Präsident Trump ein anderes Verhalten an den Tag legt als Kandidat Trump oder Reality-Show-Host Trump, dürften mittlerweile auch Regrets und echte moralische Skrupel haben. Es bleibt spannend!

4 Monate und 4 Tage für eine Eingangsbestätigung

Von Bernhard Schmeilzl (19.07.2016)
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Das Finanzamt Ihrer Majestät und die Royal Mail übertreffen sich mal wieder selbst

HMRC

Die Hälfte der Briten ist überglücklich, die „ineffiziente EU-Bürokratie“ endlich loszuwerden und auf den Inseln wieder zu britischer Zucht und Ordnung zurückkehren zu können. Die Wahlkampfslogans der Leave-Campaign waren bekanntlich „‚Take Control“ und „We want our Country back“. Nun, wie die typisch britische Verwaltungseffizienz aussieht, führten mir gestern die königliche Finanzbehörde (HMRC) und die Royal Mail vor Augen.

In einem deutsch-britischen Erbfall (wir machen so etwas dauernd) hat die deutsche Mandantin einen sechsstelligen Betrag englische Erbschaftssteuer gezahlt. Und zwar schon im November 2015. Weil man diese englische Erbschaftssteuer auf die in Deutschland zu zahlende Erbschaftssteuer anrechnen lassen kann (§ 21 ErbStG), bat ich das englische Finanzamt um eine Bestätigung, dass die UK Inheritance Tax komplett beglichen ist. Name des Toten und dessen englische Erbschaftssteuernummer auf der Zahlungsbestätigung wären nett.

Auf den ersten Blick würde man meinen, dies sei eine machbare Aufgabe für eine Administration, die früher mal das British Empire verwaltet hat. Nun, die Praxis sieht so aus:

Auf meinen Brief vom 11.3.2016 (den ich wohlweislich für 50 Euro per UPS geschickt hatte, damit er auch wirklich am nächsten Tag dort ist) schreibt der IT & Governance Offiver am 20. Juni 2016, also drei Monate später, dass er mein Schreiben an das Technical Team weitergeleitet hat. Offenkundig gibt es in der HMRC Software keinen Knopf auf den man drücken kann, um so eine Zahlungsbestätigung zu generieren. Und frei formulierte Briefe mag man beim königlichen Finanzamt offenkundig nicht erstellen.

RoyalMail

Diese Eingangsbestätigung vom 20. Juni mit Hinweis, dass man sich bemüht, das „Problem“ zu lösen, ging uns immerhin bereits 25 Tage später zu, denn der Brief wurde aus England per „Advanced Mail First Class“ verschickt. Dieser Postlauf ist beeindruckend, denn auch explizite Luftpost aus UK ist nicht schneller (siehe hier).

So, dann teile ich der Mandantin jetzt mit, dass wir die von ihr in UK gezahlte Viertelmillion Euro vorläufig noch nicht auf die deutsche Erbschaftssteuer anrechnen lassen können, weil das englische Finanzamt in vier Monaten leider noch keine schlichte Zahlungsbestätigung übersenden konnte. Wegen „technical reasons“.

Bei aller in unserer Kanzlei reichlich vorhandenen Liebe für die Briten: Good luck with taking control of your country! Tausende EU-Regularien durch eigene Gesetze zu ersetzen, wird dieser effizienten Verwaltung sicher keinerlei Schwierigkeiten bereiten.

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Die 2003 gegründete Kanzlei Graf & Partner ist mit ihrer Abteilung für britisch-deutsche Prozessführung (GP Chambers) auf grenzüberschreitende Rechtsfälle spezialisiert, insbesondere auf deutsch-britische Wirtschaftsstreitigkeiten, Scheidungen und Erbfälle. Rechtsanwalt Schmeilzl und Solicitor Jelowicki sind Experten für deutsch-englisches sowie deutsch-amerikanisches Erbrecht und agieren auch in vielen Fällen als Nachlassabwickler (Executors & Administrators) für deutsch-britische oder deutsch-amerikanische Erbfälle.

Falls Sie bei einer britisch-deutschen Rechtsangelegenheit Unterstützung benötigen, stehen Ihnen die deutschen Anwälte und Solicitors der Kanzlei Graf & Partner sowie die englischen Solicitors der Kanzlei Lyndales gerne zur Verfügung. Ihr Ansprechpartner in Deutschland ist Bernhard Schmeilzl, Rechtsanwalt & Master of Laws (Leicester, England).

UK-Presse nennt Boris Johnson einen „planlosen Lügner und Betrüger“

Von Bernhard Schmeilzl (27.06.2016)
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… und die offizielle Online Petition für ein zweites Referendum liegt bereits bei 3,6 Millionen Unterschriften

Das Referendum hat andere Folgen, als Boris Johnson, Michael Gove und Nigel Farage sich das vorgestellt haben. Stündlich müssen Wahlversprechen einkassiert werden. Die angeblichen 350 Million Pfund pro Woche, die statt an die EU nun an den National Health Service überwiesen werden sollten: äh, das wird wahrscheinlich so nicht gehen. Die Einwanderung, die gestoppt werden wird: äh, die Zahl der Immigranten wird wohl insgesamt nicht zurück gehen. Es wird immer offensichtlicher, dass – im Unterschied zum Überzeugungstäter Nigel Farage von der UKIP – Boris Johnson und manche seiner Brexit-Kollegen aus der Tory-Partei insgeheim gar nicht damit gerechnet haben, dass ihre „Vote Leave“ Kampagne erfolgreich sein würde (lustiger Cartoon dazu in der London Times). Jedenfall kann man keinen Plan erkennen. Die aktuelle „Strategie“, den tatsächlichen Austritt zu verzögern, indem man ihn schlicht „noch nicht gleich“ beantragt, ist nicht nur ein Affront gegen die Brexit-Wähler, denen ja mit Slogans wie „Take Control“ und „We want our Country back“ das sofortige Wiederaufleben der gloriosen British Empire Zeiten avisiert worden war. Es verlängert auch die Hängepartie für die eigene Wirtschaft und die nationale Politik, die ja nun einiges zu tun hat. Der englische Gesetzgeber muss ja viele der so ungeliebten EU-Regularien nun durch nationale Regeln ersetzen. Dennoch scheinen es die Brexit-Protagonisten mit dem „Take Control“ plötzlich gar nicht mehr eilig zu haben.

Der englische „Guardian“, eine der führenden Zeitungen auf der Insel, in der politischen Ausrichtung vergleichbar mit der deutschen SZ, nimmt jedenfalls kein Blatt mehr vor den Mund. Im heutigen Kommentar von Nick Cohen „Es gibt Lügner – und dann gibt es Boris Johnson und Michael Gove“ wird Boris Johnson als verantwortungs- und planloser Lügner und Betrüger an seinen Wählern bezeichnet, der „Politik als Spiel“ betreibt. Die britische Presse ist generell wenig zimperlich im Umgang mit Politikern, aber derart harsche Worte sind auch dort nicht alltäglich. Die Murdoch-Presse (The Sun und The Daily Mail) hält zwar dagegen und verlangt die sofortige Umsetzung des Austrittsbeschlusses, aber auch deren Leser werden wohl bemerken, dass ihr Sommerurlaub sowie die Lebenshaltungskosten teurer werden und die Erfüllung der Wahlversprechen, sagen wir, verschoben wurde. Wenn Boris sich also nicht bald etwas einfallen lässt, wird er sehr schnell zerrieben werden von den durch unrealistische Versprechen erzeugten Erwartungen der eigenen Wähler auf der einen Seite und der Wut der Brexit-Gegner in der eigenen Bevölkerung und nicht zuletzt im Parlament, auf der anderen Seite. Die „Anyone but Boris“ Kampagne in seiner eigenen Partei zeugt von vielen offenen Messern in den Taschen seiner Tory-Parteikollegen. Und die Petition für eine zweites Referendum (diesmal mit hohem Quorum) liegt Stand heute bereits bei über 3,6 Millionen Unterschriften. In England existiert bereits das geflügelte Wort für „Bregret“ (Brexit-Regret), also das Bedauern, für den Brexit gestimmt zu haben. Viele geben zu, dass sie nur aus Protesthaltung einen Denkzettel verpassen wolltem, aber nicht damit gerechnet hatten, dass es tatsächlich dazu kommt (siehe Interview Videos dazu hier). Tja, Referendum gelungen, Land im Chaos. Denn es zerlegt sich parallel zu all dem derzeit auch die potentielle Opposition nach allen Regel der Kunst. Dem Labour Vorsitzenden Jeremy Corbyn sind in den letzten zwei Tagen nicht weniger als 11 seiner zentralen Mitstreiter (Schattenkabinett) von der Fahne gegangen. Auch die britischen Sozialdemokraten wissen offenkundig, wie man die Chance auf starke Opposition gründlich im Keim erstickt, indem man sich mit den Befindlichkeiten der eigenen Partei und Personalia beschäftigt.

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Die Entzauberung der Brexit-Populisten hat begonnen

Von Michael Gleiten (24.06.2016)
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Schon Stunden nach Bekanntgabe des Brexit-Ergebnisses beginnt der Katzenjammer auf der Insel. Die Stimmung schlägt bereits um, weil die Briten erste konkrete Auswirkungen vor Augen geführt bekommen. Schlagzeilen der Online-Ausgaben englischer Zeitungen sowie TV-Berichte und Nachrichten sind negativ bis panisch. Vor allem die Jugend ist entsetzt, ein Beispiel: „Teenage anger over Brexit vote – What have we done?“ Etliche Privatanleger haben bereits jetzt einen Teil ihres Vermögens verloren, weil die Aktien in den Keller gerauscht sind. Der kurz bevorstehende Sommerurlaub wird wegen des abgestürzten Pfundkurses für Briten empfindlich teurer. Auch die allgemeinen Lebenshaltungskosten (siehe sogar die zurückhaltende BBC “How the Brexit could hit your wallet”). Die Prognosen für das englische Wirtschaftswachstum wurden sofort heute nach unten korrigiert. Der ohnehin überhitzte Immobilienmarkt in London kann einbrechen. Ausländische Investoren werden Engagements in UK überdenken bzw. verschieben.

Und die vermeintlich genialen Wahlstrategen Nigel Farage und Boris Johnson beginnen mit dem großen Zurückzurudern und müssen ihre teils absurden Versprechen zurücknehmen, siehe zum Beispiel hier. Mehr zum Thema Brexit und den praktischen Auswirkungen vom deutsch-britischen Anwalt Bernhard Schmeilzl auf seinem Blog Cross-Channel-Lawyers: Der Brexit und ich

Wie redet man Briten in e-Mails an?

Von Michael Gleiten (23.06.2016)
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Am Tag der historischen Brexit-Abstimmung postet Kollege Schmeilzl auf seinem britischen Blog einen amüsanten Beitrag zum Thema Unterschiede bei der E-Mail-Etikette zwischen Briten und Deutschen. Und die Unterschiede sind gewaltig. Wer die anglo-amerikanische Gepflogenheit nicht kennt, sich einfach mit dem Vornamen zu begrüßen – und zwar ohne jeden Zusatz – fühlt sich leicht auf den Zeh getreten, obwohl es der britische oder amerikanische Absender der e-Mail gar nicht so meint. Eine Mail wie

„Michael, give me a call somtime this afternoon. James“

ist völlig normal unter Geschäftspartnern. Für deutsche Leser sieht das ziemlich unfreundlich aus. Hätte man der Tastatur nicht wenigstens noch ein „Hi“ und ein „Best regards“ abringen können. Ja, schon, ist aber in UK und USA nicht unbedingt nötig. Nicht einmal zwischen Anwaltskollegen. So, falls wir den Briten nach dem Referendum Farewell sagen müssen, dann wissen wir jetzt wie es geht.

Blutdruckmessung bei anwaltlicher Erstberatung inbegriffen: BVerfG erlaubt endlich Sozietät zwischen Anwälten und Ärzten!

Von Michael Gleiten (04.02.2016)
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Psychoanalyse und Scheidung im Service-Gesamtpaket!

Seit vielen Jahren finde ich es äußerst schade, einen Teil unserer Mandanten nicht parallel auch nervenärztlich versorgen zu können. Synergien sehe ich nicht nur im Familien- und Erbrecht, wo künftig erst mal eine Familienaufstellung gemacht werden kann, bevor man die anwaltliche Strategie festlegt. Auch bei so manchem mittelständischen Unternehmer ist ein Belastungs-EKG sinnvoll, bevor man mit ihm die neueste Rechtsprechung zu Betriebsrat und Kündigungsschutz erörtert (anwaltliche Fürsorgepflicht und so). Und jedem Mandanten, der sich über herüberhängende Äste vom Nachbargrundstück beschwert, wird künftig standardmäßig eine Kombinationstherapie aus Stimmungsaufhellern plus Psychoanalyse empfohlen. Bewerbungen qualifizierter ärztlicher Kollegen nehmen wir ab sofort gerne entgegen.

Die juristischen Details der Entscheidung finden sich übrigens in der aktuellen Pressemitteilung des DAV, gleich an erster Stelle. Der DAV sieht also scheinbar auch einen erheblichen praktischen Bedarf an solchen Sozietäten. Bin gespannt, welche Fachrichtungen sich zusammentun werden.

Beatrix von Storch (AfD) überarbeitet gerade ihre Inhalte

Von Michael Gleiten (01.02.2016)
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Beatrix

Auf der facebook Seite von „Darauf wird man ja wohl noch schießen dürfen“-Beatrix von Storch geht’s gerade hoch her. Kollege Carsten Hoenig hat aktuell hier auf den interessanten Stammbaum von Frau von Storch hingewiesen, formerly known as Herzogin von Oldenburg. Nun verkneife ich mir in aller Regel das Kommentieren auf facebook-Seiten. Wirklich! Life is short, der 50. Geburtstag naht, Sensenmann im Rückspiegel und so. Nur dieses eine Mal ging dann doch der Gaul mit mir durch. Übrigens ist Beatrix‘ Hauptwebsite gerade offline. Dies mit dem amüsanten Hinweis:“Derzeit überarbeiten wir unsere Inhalte.“ Hi, hi. Denken deren Praktikanten, die die Website betreuen, eigentlich bei irgendwas mit? Nun ja, schön wäre es ja, das mit dem die Inhalte überdenken. Aber meine Hoffnung hält sich in Grenzen.

„Du, Sie, äh Jens Spahn“ oder: Intensivkurs „Decision Making“ für Anwälte (und ein lustiger Link)

Von Michael Gleiten (01.02.2016)
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Dass auch Rechtsanwälte manchmal extreme Probleme haben, einfachste Entscheidungen zu treffen und sich dann konsequent dran zu halten, bewies gestern Abend bei Anne Will der Berliner Anwaltskollege Mehmet Gürcan Daimagüler, daneben auch Autor des Buches „Kein schönes Land in dieser Zeit – Das Märchen von der gescheiterten Integration“. Seine Kurzbiographie liest sich beeindruckend: Studium der Rechtswissenschaften, Volkswirtschaft und Philosophie in Bonn, Kiel, Witten-Herdecke, Harvard und (!) Yale. Berater bei der Boston Consulting Group, seit 2005 Partner einer Berliner Anwaltskanzlei. Respekt! Erwartungsvoll sitzt man vor dem Fernseher und hofft auf Lösungsvorschläge zur Integrationsaufgabe vom Anwalts-Volkswirt-Philosophen mit Consulting-Erfahrung.

Jedoch, Kollege Daimagüler hat ein Problem, das er während der gesamten Sendung nicht gelöst bekommt: Er kann sich nicht entscheiden, wie er seinen Kontrahenten ansprechen soll. Erst siezte er den ihm scheinbar persönlich bekannten CDU-Politiker Jens Spahn (Parlamentarischer Finanz-Staatssekretär), dann teilte er dem deutschen Publikum zur besten Sendezeit seine innere Zerrissenheit mit, dass er sich nicht entscheiden könnte, ob er diesen fortan weiter siezen oder doch duzen sollte. Und dies, obwohl man in der ersten Stunde des Harvard Rhetorikkurses lernt, dass man sich als Redner nie, nie, absolut nie selbst kommentieren darf, weil erst dann das Publikum überhaupt das Problem des Redners mitbekommt. Dann duzte er sein Gegenüber ein paar Mal. Als nächstes folgte einige Male ein besonders amüsantes „… Du, Sie, Jens Spahn …“. Dann sagte er ein paar Mal nur Jens Spahn, so dass man den Eindruck hatte, er bekäme ein Prämie für maximal häufige Namensnennung innerhalb einer Talkshowstunde. Zwischendrin bot der genervte Spahn als Hilfestellung an: „Jetzt sag doch einfach Du“. Halft aber auch nichts, Daimagüler mäanderte weiter. Jeder halbwegs souveräne Talkshow-Teilnehmer hätte spätestens jetzt gesagt: „Gut, einigen wir uns für heute Abend auf Du“. Kam aber nicht. Vielleicht stand da der Philosoph Daimagüler dem Consultant Daimagüler im Weg. Nun, für eine Weile war das amüsant, dann ging es einem auch als Zuschauer auf den Nerv, weil das alberne Duz-Siez-Fiasko die inhaltliche Diskussion überlagerte. Nun, hoffen wir mal für seine Mandanten, dass der Kollege in seiner Anwaltstätigkeit weniger Entscheidungsprobleme hat. Schließlich ist er Nebenklägervertreter im NSU-Prozess, was ihm auch bei Anne Will in die Diskussion einzuflechten gelang.

Zum Abschluss hier noch der versprochene lustige Link: Die Kollegen vom CCL-Blog schilderten am Freitag einen echten Fall aus der Welt der Zustellung von Dokumenten im Vereinigten Königreich. Lesenswert. Und nun wünsche ich dir, äh Ihnen, äh allen Lesern – und natürlich auch Jens Spahn, einen produktiven Arbeitstag.